in unseren Heimatdörfern
Spitznamen
Es ist eine interessante und lohnende Arbeit, sich mit der Entstehung von Spitznamen zu beschäftigen und das Studium dieser meist komischen Wortverbindungen gründlich zu betreiben.
Warum gibt es überhaupt Spitznamen? Die Antwort ist nicht schwer. Personen gleichen Namens, das kommt in den Landgemeinden sehr häufig vor, müssen doch irgendwie unterschieden werden. Die Einführung der Hausnummern ist auch noch nicht alt und Straßenbezeichnungen kannte man nicht. Bei der Namensgebung ( Spitznamensgebung ) kann man immer wieder bestimmte Züge beobachten. So spielt der Vorname und der Beruf irgend eines Ahnen väterlicherseits oder auch mütterlicherseits eine große Rolle. Aber auch die Körperform ( lang, dick ) Haut- und Haarfarbe und die Wohnlage im oder am Rande des Dorfes sind bei der Namensbildung herangezogen. Dabei muß gleich mit erwähnt werden, daß bei dem derzeitigen Namensträger diese Merkmale gar nicht mehr vorhanden sind. Und von den angeführten Merkmalen gibt es noch eine große Kombination.
Lassen Sie mich einige kleine Beispiele aus dem Erzgebirgsdorf
Streckenwald bringen. Mehr als 20 Einwohner nannten sich Emil Kühnel. Für einen Fremden war es schwer, den richtigen zu finden. Erkundigte man sich aber nach dem Bauer-Emil oder Finz-Emil, oder Schuster-Emil usw. so wußte jedes Kind im Dorfe, wer gemeint war. Nun war aber der Schuster-Emil durchaus kein Schuster und der andere kein Bauer. Irgend einer ihrer Ahnen hatte diesen ehrbaren Beruf.Wenn der Albin Rehn, für die Streckenwalder der Gröschel-Resen-Albin war, so deshalb, weil seine Großmutter Theresia geborene Gröschel hieß. Und der Hacker-Bäcken-Hildebert hat mit dem eigentlichen Namenstragern Hacker gar nichts zu tun. Nur sein Anwesen gehörte einmal einer Familie Hacker, und die Träger dieses Namens waren in
Streckenwald längst ausgestorben. Eine Besonderheit bildete z. B. der Spitzname Bäck-Wagner-Schneider ( ins Streckenwaldlerische übersetzt Beck-Woner-Schneiera ). Hier finden wir gleich drei Berufsnamen gekoppelt. Und ein Tischler-Linna Max war der Sohn der Linna, deren Vater Tischler gewesen war. An den wenigen Beispielen sehen wir, die Suche nach dem Ursprung ist nicht immer einfach. Eingangs erwähnte ich, daß auch Ortsveränderungen eine Rolle spielen. Hier ein Beispiel. In einer Familie gab es drei Lehrer und man unterschied sie einfach durch ihren Dienstort und sprach von einem Kninitzer, einem Graupschen und einem Modlanschen. Jedes Dorfkind wußte, wer damit von den drei Brüdern gemeint war, aber sie kannten nicht ihre eigentlichen Vornamen. Die Träger der Spitznamen waren nicht beleidigt, wenn man sie mit dem Spitznamen ansprach. Es lag ja ein Stück Familientradition darin. Friedlich saßen der Hacker-Bäcken Konditor, der Motzel Korl und der Alten-Schenker Emil beim Singabend beisammen.Aber es gab noch eine andere Gruppe von Spitznamen, bei deren Anwendung immer Vorsicht am Platze war. Diese Namen hatten auch keine Tradition. Sie entstanden rein zufällig. Ich denke da an Namen wie Bubanzl, Stutz, Gentlemann, Summe und Brumme, Pfannbuchte, Steen, Mohle, Pfutsche u.v.a.
Mit der Vertreibung aus unserer Heimat geht auch dieses Stückchen Heimatgeschichte zu Ende. Wollen wir uns beim Lesen dieser Zeilen unserer Heimatfreunde erinnern und an Stunden frohem Beisammenseins in unserem lieben
Streckenwald denken.H. R.
Giessen